Ein anderes Selbst: Kritik und Familienaufstellung – Was die Serie über unsere Familienmuster zeigt

14.07.2026 | Familie & Beziehung | 0 Kommentare

Ein anderes Selbst: Kritik zur Serie von Jana Lex

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Serie „Ein anderes Selbst" macht das Thema Familienaufstellung einem breiten Publikum zugänglich
  • Treffend dargestellt: Beziehungsmuster hängen oft mit Herkunft und familiären Prägungen zusammen
  • Kritisch zu sehen: das hohe Tempo und die dramaturgische Vereinfachung der Prozesse
  • Echte Aufstellungsarbeit braucht mehr Zeit, einen geschützten Rahmen und individuelle Betrachtung
  • Die Serie kann ein Anstoß zur Selbstreflexion sein – ersetzt aber keine professionelle Begleitung

Drei Frauen, ein Küstenstädtchen an der Ägäis, und die leise, aber beharrliche Frage: Wer wäre ich, wenn ich nicht ständig alte Muster wiederholen würde? Genau diese Frage hat die türkische Netflix-Serie „Ein anderes Selbst" bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern etwas ausgelöst, das über gewöhnliches Serienvergnügen hinausgeht. Man schaut zu, wie Ada, Sevgi und Leyla sich ihren ungelösten Familiengeschichten stellen – und erkennt plötzlich eigene Beziehungen, eigene Prägungen, eigene wiederkehrende Konflikte wieder.

Genau hier beginnt für viele die eigentlich interessante Frage: Was hat es mit der Methode auf sich, die im Zentrum der Serie steht? Ist das, was dort gezeigt wird, mit einer echten Familienaufstellung vergleichbar – und wie realistisch ist die Darstellung überhaupt? Als Expertin für Familienaufstellung und persönliche Entwicklung möchte ich mir dafür Zeit nehmen und eine faire, differenzierte Betrachtung anbieten: keine Serienkritik im klassischen Sinn, sondern eine Brücke zwischen einer Popkultur-Erfahrung und der Frage, was uns die eigene Familiengeschichte tatsächlich zeigen kann.

Worum geht es in der Serie "Ein anderes Selbst"?

„Ein anderes Selbst" (Originaltitel: „Zeytin Ağacı") erzählt von drei engen Freundinnen, die sich nach jahrelanger Freundschaft auf eine gemeinsame Reise in die türkische Küstenstadt Ayvalık begeben. Dort geraten sie – zunächst eher zufällig – in Kontakt mit systemischen Sitzungen, die tief verdrängte Konflikte aus ihrer familiären Vergangenheit an die Oberfläche bringen. Jede der drei Frauen trägt ihr eigenes Päckchen: berufliche Ambitionen, die im Widerspruch zu familiären Erwartungen stehen, unausgesprochene Verletzungen zwischen Müttern und Töchtern, Beziehungen, die sich immer wieder in denselben Sackgassen wiederfinden.

Was die Serie so berührend macht, ist nicht die spektakuläre Handlung, sondern die Alltäglichkeit der Themen. Wer hat nicht schon einmal gemerkt, dass er in Beziehungen ein Verhalten wiederholt, das eigentlich aus dem Elternhaus stammt? Wer kennt nicht das Gefühl, in bestimmten Situationen „automatisch" zu reagieren, ohne genau zu wissen, warum? Genau diese leisen Wiedererkennungsmomente sind es, die „Ein anderes Selbst" für ein so breites Publikum interessant machen – weit über die Türkei hinaus.

Ein anderes Selbst und Familienaufstellung: Was steckt hinter der Methode?

Die Serie bringt einem breiten Publikum einen Begriff näher, der vielen bislang unbekannt war: die Familienaufstellung. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine systemische Methode, bei der sichtbar gemacht werden soll, wie sich Dynamiken innerhalb eines Familiensystems über Generationen hinweg auswirken können – auf Beziehungen, auf Entscheidungen, auf innere Konflikte, die sich manchmal gar nicht direkt erklären lassen.

Im Zentrum steht die Idee, dass wir als Teil eines größeren Familiensystems nicht nur eigene Erfahrungen mit uns tragen, sondern auch unbewusst übernommene Muster: Loyalitäten, ungelöste Konflikte früherer Generationen, Rollen, die uns zugewiesen wurden, ohne dass wir sie bewusst gewählt hätten. Eine Aufstellung kann helfen, solche Verstrickungen sichtbar zu machen – nicht, um die Vergangenheit zu verändern, sondern um einen neuen, klareren Blick auf die eigene Position innerhalb der Familie zu gewinnen.

Genau diese Idee – dass unsere Herkunft und die Prägungen unserer Familie bis heute nachwirken – zieht sich durch die gesamte Handlung von „Ein anderes Selbst". Die Serie übersetzt ein eigentlich komplexes therapeutisches Konzept in eine emotionale, nachvollziehbare Bildsprache. Das macht sie zugänglich, wirft aber auch die Frage auf, wie nah diese Darstellung an der Realität tatsächlich ist. Wer sich für die fundierten Hintergründe interessiert, findet in meinem Beitrag zu Familienaufstellung in der Wissenschaft eine vertiefende Einordnung.

"Ein anderes Selbst" Kritik: Was sehe ich als systemische Beraterin (DGsP) kritisch?

Ich habe mir die Serie mit professionellem Blick angeschaut – und komme zu einer differenzierten Einschätzung. Die Serie leistet aus meiner Sicht etwas Wertvolles, weil sie ein Thema in die Öffentlichkeit trägt, über das sonst kaum gesprochen wird. Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen: Was wir dort sehen, ist eine dramaturgisch verdichtete Version eines Prozesses, der in der Realität viel individueller, langsamer und geschützter verläuft.

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft für mich das Tempo. In der Serie führen Aufstellungs-ähnliche Szenen oft innerhalb weniger Minuten zu tiefgreifenden Erkenntnissen oder emotionalen Durchbrüchen. Das ist erzählerisch nachvollziehbar, weil eine Serie Spannungsbögen braucht. In meiner Arbeit mit Familiensystemen sieht das anders aus. Prozesse brauchen Zeit, sie brauchen einen geschützten Rahmen, und sie verlaufen selten linear. Manches zeigt sich erst nach mehreren Sitzungen, manches braucht Wochen oder Monate, um wirklich zu wirken.

Ein weiterer Punkt, den ich kritisch sehe, ist die Gefahr der Vereinfachung: Es kann leicht der Eindruck entstehen, jede persönliche Herausforderung ließe sich direkt auf ein bestimmtes Familienereignis zurückführen. Das greift aus meiner Erfahrung zu kurz. Die eigene Lebensgeschichte ist immer vielschichtiger – sie besteht aus der Familiengeschichte, aber eben auch aus individuellen Erfahrungen, aus der eigenen Persönlichkeit und aus dem, was jeder Mensch selbst daraus macht. Eine seriöse Aufstellung nimmt genau diese Vielschichtigkeit ernst, statt einfache Kausalketten zu behaupten.

Auch die mediale Inszenierung selbst sehe ich kritisch, wenn auch mit Verständnis: Eine Serie muss unterhalten und Emotionen transportieren. Eine echte Aufstellung ist kein Schauspiel, sondern ein sehr persönlicher, oft leiser Prozess, der von der Begleitung, vom Vertrauen und von der Bereitschaft der Teilnehmenden abhängt, sich wirklich einzulassen. Das lässt sich in einem Serienformat kaum eins zu eins abbilden – und das ist für mich auch in Ordnung, solange man es als das erkennt, was es ist: eine künstlerische Annäherung.

Was zeigt die Serie über Familienaufstellungen richtig?

So klar diese kritischen Punkte für mich sind, so wichtig ist mir auch die andere Seite: „Ein anderes Selbst" trifft einige zentrale Aspekte durchaus treffend. Dazu gehört vor allem die Grundidee, dass Beziehungsmuster selten zufällig entstehen. Wer sich immer wieder in ähnlichen Konstellationen wiederfindet – sei es in der Partnerschaft, im Beruf oder im Freundeskreis –, tut gut daran, einen Blick auf die eigene Familiengeschichte zu werfen.

Auch die Bedeutung von Herkunft und Prägungen wird in der Serie glaubwürdig eingefangen. Die drei Hauptfiguren tragen jeweils unterschiedliche familiäre Erwartungen mit sich, die ihr heutiges Verhalten beeinflussen – ein Bild, das viele Zuschauerinnen und Zuschauer aus ihrem eigenen Leben kennen. Und schließlich zeigt die Serie eindrücklich, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kein Zeichen von Schwäche ist, sondern ein aktiver Schritt zu mehr innerer Entwicklung sein kann.

Genau das ist der Kern, den ich mir aus der Serie herausgreifen würde: nicht die konkreten Szenen, sondern die Haltung dahinter. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, statt Muster einfach hinzunehmen.

Was passiert bei einer Familienaufstellung wirklich?

Um die Unterschiede zwischen medialer Darstellung und tatsächlicher Praxis besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf den realen Ablauf, wie ich ihn in meiner Arbeit erlebe. Eine Familienaufstellung beginnt in der Regel mit einem Gespräch, in dem ich gemeinsam mit der aufstellenden Person das Anliegen kläre: Worum geht es eigentlich? Welche Frage, welches Thema soll sichtbar werden?

Im weiteren Verlauf werden – je nach Setting – Stellvertreterinnen und Stellvertreter für einzelne Familienmitglieder im Raum positioniert. Dabei geht es nicht um Schauspiel oder Interpretation, sondern darum, körperliche Empfindungen und Positionen im System wahrzunehmen. Meine Rolle als Begleitung ist dabei zentral: Ich halte den Rahmen, achte auf Sicherheit und Tempo, und sorge dafür, dass niemand überfordert wird.

Vertrauen und Eigenverantwortung sind für mich zwei tragende Säulen dieser Arbeit. Niemand wird zu etwas gedrängt, und niemand erhält fertige Antworten serviert. Vielmehr entsteht Raum für eigene Erkenntnisse, die im Nachgang oft weiter reifen müssen. Eine Aufstellung liefert selten eine sofortige Lösung. Sie öffnet eher eine Tür – was dahinter passiert, ist ein Prozess, der Zeit und Selbstverantwortung braucht.

Kann eine Familienaufstellung helfen, sich selbst besser zu verstehen?

Wer „Ein anderes Selbst" gesehen hat und dabei ins Nachdenken über die eigene Geschichte geraten ist, muss diesen Impuls nicht ungenutzt lassen. Es kann sich lohnen, innezuhalten und ein paar Fragen an sich selbst zu richten: Welche Rollen habe ich in meiner Familie übernommen, ohne sie bewusst gewählt zu haben? Welche wiederkehrende Muster im Leben begegnen mir immer wieder – und woher könnten sie stammen? Gibt es Themen in meiner Familiengeschichte, die bis heute unausgesprochen im Raum stehen?

Solche Fragen führen nicht zwangsläufig zu einer Aufstellung. Aber sie können ein erster, wertvoller Schritt sein, um die eigene Geschichte mit mehr Neugier und weniger Bewertung zu betrachten. Genau darin liegt für mich vielleicht der größte Wert, den eine Serie wie „Ein anderes Selbst" bieten kann: nicht als Anleitung, sondern als Einladung zur Selbstreflexion.

Wichtig ist mir dabei zu betonen: Setzen Sie sich selbst nicht unter Druck. Nicht jede Frage muss sofort beantwortet werden, und nicht jedes Muster lässt sich an einem Nachmittag auflösen. Manchmal reicht es zunächst, überhaupt zu bemerken, dass ein bestimmtes Verhalten wiederkehrt – und diese Beobachtung erst einmal stehen zu lassen, ohne sie sofort bewerten oder verändern zu wollen. Genau diese wohlwollende, geduldige Haltung unterscheidet eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte von der komprimierten Dramaturgie eines Serienformats.

Wenn Sie merken, dass Ihre eigenen Fragen tiefer gehen und über ein paar Momente des Nachdenkens hinausreichen, können Sie sich überlegen, professionelle Begleitung in Anspruch zu nehmen – sei es in Form eines Einzelgesprächs, einer Gruppensitzung, einer klassischen Familienaufstellung vor Ort oder einer Online Familienaufstellung von zu Hause aus. Entscheidend ist dabei immer, dass der Rahmen stimmt: eine Begleitung, der Sie vertrauen, ausreichend Zeit und Ihre eigene Bereitschaft, sich wirklich auf den Prozess einzulassen.

Fazit

„Ein anderes Selbst" schafft einen emotionalen, gut erzählten Zugang zu einem Thema, das viele Menschen berührt: die Frage, wie sehr unsere Familiengeschichte unser heutiges Leben prägt. Meine Kritik an der Serie richtet sich dabei weniger gegen ihre Grundidee als gegen die notwendige dramaturgische Verdichtung – ein Prozess, der in der Realität mehr Zeit, mehr Individualität und einen geschützten Rahmen braucht, als es ein Serienformat abbilden kann.

Eine professionelle Familienaufstellung ist keine schnelle Lösung und schon gar kein Heilsversprechen. Sie kann aber einen Raum öffnen, um eigene Familienmuster bewusster wahrzunehmen, alte Prägungen zu verstehen und mit neuer Klarheit auf die eigene Geschichte zu blicken. Wer sich von der Serie berühren ließ, findet darin vielleicht nicht die ganze Wahrheit über Familienaufstellungen – aber einen ehrlichen ersten Anstoß, genauer hinzuschauen.

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Jana Lex - Coaching für Raum und Seele, Systemische Beratung und Feng Shui

Über die Autorin

Ich bin Jana Lex, Sonderpädagogin, Lehrerin, Dozentin, ausgebildete systemische Beraterin (DGsP) und Feng Shui Expertin, Ehefrau und 3-fach-Mama.

Mit meinen Coaching-Angeboten möchte ich Räume öffnen – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Dafür habe ich meine einzigartige Methode entwickelt:


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